Rezension // Maja Lunde: Die Letzten ihrer Art – KIMONO Blog
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    Maja Lunde: Die Letzten ihrer Art

    Maja Lunde, Die Letzten ihrer Art
    Lesezeit: 8 Min.
    Maja Lunde hält uns wieder einmal den Spiegel vor Augen, ohne dabei hoffnungslos zu sein.

     

    Über Mensch und Tier und das Tier im Menschen: Vom St. Petersburg der Zarenzeit über das Deutschland des Zweiten Weltkriegs bis in ein Norwegen der nahen Zukunft erzählt Maja Lunde von drei Familien, dem Schicksal einer seltenen Pferderasse und vom Kampf gegen das Aussterben der Arten. Ein bewegender Roman über Freiheit und Verantwortung, die große Gemeinschaft der Lebewesen und die alles entscheidende Frage: Reicht ein Menschenleben, um die Welt für alle zu verändern?

    Maja Lunde, Die Letzten ihrer Art Cover

    Bereits letztes Jahr ist Maja Lundes neues Buch “Die Letzten ihrer Art” erschienen, doch auch dieses Buch lag viel zu lange auf meinem SUB; nun wurde es aber Zeit, dass ich Maja Lundes neuestes Werk auch endlich lese. Nachdem ich “Die Geschichte der Bienen” so gefeiert habe, konnte mich “Die Geschichte des Wassers” nur enttäuschen. Deshalb war ich vermutlich erst vorsichtig, bevor ich diesen Roman zur Hand genommen habe. Doch als es soweit war, konnte ich mich nur schwerlich von der dreigeteilten Geschichte um die Przewalski-Wildpferde und ihrem Aussterben losreißen. Die Geschichte spielt wie Lundes vorherige Bücher wieder in drei verschiedenen Zeitepochen: Ende des 19 Jahrhunderts, wo bei einer Expedition Wildpferde gefangen werden sollen, um in St. Petersburg in einem Zoo ausgestellt zu werden; Anfang der 1990er Jahre, wo eine Tierärztin ihr Leben der Vergrößerung und Auswilderung der Przewalski-Pferde gewidmet hat; und in der nahen Zukunft (2064), in der eine kleine Familie, die die (vermutlich) letzten beiden Wildpferde auf der Erde auf ihrem Hof besitzt und um ihr eigenes Überleben sowie das der Pferde kämpft.

    Ich war es so leid. Seit Isa auf der Welt war, hatte ich Vorräte gesammelt. Ich war wie ein Eichhörnchen, hortete Lebensmittel, war sparsam, teilte alles ein. Ich war das Essen so leid, unsere Abhängigkeit vom Essen. […] Ich verbrachte den ganzen Tag damit, Essen zu beschaffen und haltbar zu machen, und damit, die Tiere zu versorgen, die uns wiederum mit Essen versorgten. Ich war es so leid, ich war so erschöpft. Erschöpft, verbraucht, verlebt. Aber ich musste weitermachen, immer nur weitermachen, uns etwas zu Essen beschaffen, uns und den Tieren.

    Maja Lunde verwebt diese drei Zeitachsen wieder wunderbar und spannend, sodass ich mich komplett auf das Geschehen einlassen konnte, obwohl einige Charaktere mich schon ein wenig gestört haben. Doch mehr dazu später. Wer Lundes andere Bücher kennt, weiß, dass es sich hierbei um den dritten Band des sogenannten Klima-Quartetts handelt. Ihre beiden bisherigen Bücher haben sich mit dem Aussterben der Bienen und der zunehmenden Wasserknappheit befasst. In “Die Letzten ihrer Art” widmet sich Maja Lunde nun den vom Aussterben bedrohten Wildpferden. Bei der Lektüre des Buchs wird dem Leser durch die verschiedenen Zeitsegmente wieder einmal klar, wie sich die Natur unter dem Einfluss des Menschen verändert hat. Und das nicht zum Guten. Maja Lunde hält uns wieder einmal den Spiegel vor Augen, ohne dabei hoffnungslos zu sein – noch können wir das Ruder herumreißen.

    Die Zeitfenster im Überblick

    Der Roman beginnt mit Eva und ihrer Tochter Isa, die 2064 ums blanke Überleben kämpfen. Der Klimawandel hat viele Teile der Erde unbewohnbar gemacht und die meisten Menschen versuchen, immer in Bewegung zu bleiben – denn die erschöpfte Erde gibt nur für kurze Zeit einige wenige Ressourcen an derselben Stelle her. Eva weigert sich jedoch trotz des Beharrens ihrer Tochter, weiterzuziehen. Grund dafür sind einige verbliebene Tiere, die sich in ihrer Obhut befinden, zum Beispiel einige Hühner und Rinder, die die beiden mit Eiern und Milch versorgen, aber eben auch die vermutlich letzten beiden Przewalski-Wildpferde. Eva tut alles in ihrer Macht stehende, damit nicht auch diese Tierart ausstirbt und die Arbeit vieler Menschen überflüssig gewesen wäre.

    So kommen wir zum nächsten Zeitsegment, das 1992 spielt. Karin, eine Tierärztin, reist mit ihrem Sohn Mathias in die Mongolei, um dort einige in Europa aufgezogene Przewalski-Pferde auszuwildern. Die Beziehung zwischen den beiden ist ebenfalls angespannt, jedoch auf eine andere Weise: Karins Sohn ist lange Zeit drogenabhängig gewesen, befindet sich jetzt aber auf dem Weg der Besserung. Die Reise in die Mongolei ist für ihn ein Neuanfang. Die ohnehin schon unterkühlte Beziehung von Mutter und Sohn wird durch die tägliche Zusammenarbeit noch weiter zugespitzt und der Leser sieht Karins andere Seite – da ist nämlich nicht nur die Frau, die ihr ganzes Leben den Wildpferden und dem Wiederaufbau der Tierart widmet, sondern auch die distanzierte Mutter, die weder ein liebevolles Miteinander mit ihrem Sohn zulässt noch ihre eigenen Gefühle erlaubt.

    Schließlich widmet sich Maja Lunde auch der Vergangenheit, die ein wenig weiter zurückliegt. 1881 machen sich Michail und seine Reisebegleitung Wolff auf den Weg zu einer Expedition in die Mongolei, bei der sie Wildpferde für Michails Tierpark und auch für die Gärten anderer reicher Persönlichkeiten fangen wollen. Die Reise ist beschwerlich, die Jagd nach den Przewalski-Pferden grausam, doch möchte Michail eigentlich nur den Bestand der Wildpferde sichern. Dass auf der Rückreise dann ein Fohlen nach dem anderen stirbt, bringt ihn an seine psychischen Grenzen.

    Schreib- und Erzählstil

    Maja Lunde schreibt so, wie man es bereits von ihr kennt und liebt. Sie passt die Feinheiten der Sprache den Epochen gemäß an und man hat als Leser wirklich das Gefühl, als würde man drei verschiedene, aber doch zusammenhängende Romane zu lesen. Während Michails Abschnitte ähnlich Max Frischs “Homo Faber” wie ein Reisetagebuch aufgebaut sind, ähneln sich Karins und Evas Kapitel im Aufbau ein wenig. Wie bei den beiden Vorgänger-Romanen haben mir der Aufbau des Romans und auch die kleinen Feinheiten, die die jeweiligen Geschichten voneinander trennen, wieder sehr gut gefallen – auch wenn ich manchmal Lust hatte, die zusammengehörigen Kapitel auch nacheinander zu lesen und nicht losgelöst. Dem habe ich aber erfolgreich widerstehen können und konnte deshalb auch den fein ausgearbeiteten Spannungsbogen genießen.

    Charaktere & Magengrummeln

    Wenn ich mich an “Die Geschichte des Wassers” zurückerinnere, kommen mir vor allem blasse, unausgegorene Charaktere in den Sinn. Dies hat Lunde bei diesem Roman offensichtlich hinter sich gelassen, denn alle Figuren erschienen mir rund – wenn auch längst nicht sympathisch! Besondere Bauchschmerzen hat mir Karin bereitet. So eine kaltherzige Mutter ist mir bisher in wenigen Büchern begegnet. Ja, ihr Sohn ist drogenabhängig, und ja, sie hat viel Leid seinetwegen durchgemacht, aber Gedanken wie “Einmal Junkie, immer Junkie” oder “Hat er Tränen in den Augen? Muss er jetzt anfangen zu heulen?” fand ich wirklich hart an den Grenze. Karin ist wirklich die Unsympathin dieses Buchs. Sie macht meiner Meinung nach auch die geringste Entwicklung aller Figuren durch – nämlich leider irgendwie gar keine.

    Außerdem regnet es. Menschengemachter Regen, wie Mama es nennt. All dieses Wetter wurde in sechzig Jahren produziert. Seit 1980, und in den Jahren danach, da wurde es immer schlimmer. Sechzig Jahre Emissionen, und es war für immer vorbei. Sie haben ganze Arbeit geleistet.

    Am verstörendsten fand ich jedoch die Szenen der Jagd Ende des 19. Jahrhunderts – hier hat die Autorin wirklich detailgetreu beschrieben, wie die Wildpferde gefangen werden und nimmt auch keine Rücksicht auf zart besaitete Leser. Normalerweise bin ich keine dünne Haut, wenn es um “schmutzige” Details geht, doch hier hat sich mein Magen zusammengezogen. Die Jagd auf die Wildpferde wirkt so widernatürlich, wie auch unser gesamter Konsum tierischer Produkte ist (aber das ist eine andere Diskussion). Dass Michail ja eigentlich nur den Bestand der Pferde sichern will, rückt für mich hierbei irgendwie stark in den Hintergrund und ich sehe nur die panische Angst der Tiere.

    Fazit

    Ein weiteres tolles Buch aus Maja Lundes Klima-Quartett. Die Autorin findet wieder zu ihrer Höchstform zurück und schenkt uns mit “Die Letzten ihrer Art” eine Leseerfahrung, die noch lange nachklingen wird.

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    Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom btb Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

    Maja Lunde / Die Letzten ihrer Art / btb Verlag / Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 640 Seiten / ISBN: 978-3-442-75790-9 / Erschienen am 21.10.19 / zur Verlagsseite

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