Rezension // Unter der Haut: Eine literarische Reise durch unseren Körper – KIMONO Blog
  • Rezension

    Unter der Haut: Eine literarische Reise durch unseren Körper

    Naomi Alderman et al., Unter der Haut
    Lesezeit: 5 Min.
    Ein buntes Potpourri an Anekdoten, Essays und sehr wissenschaftlichen Analysen, das das Wunderwerk “Körper” zu schätzen lehrt.

     

    15 der beeindruckendsten und talentiertesten Schriftsteller der Gegenwart erzählen in diesem Buch ihre ganz persönliche Geschichte über den Körper: Naomi Alderman etwa entschlüsselt die Antwort des Darms auf moderne Essgewohnheiten, A. L. Kennedy erforscht die erstaunliche Merkfähigkeit der Nase und Thomas Lynch feiert die Gebärmutter als Wunder der Natur, während Philip Kerr die bemerkenswerte Geschichte der Gehirnchirurgie ergründet. Wie verhält man sich bei Schilddrüsensturm, und welches Ohr brachte es in der Literatur zu besonderer Berühmtheit? »Unter der Haut« lädt ein zu einer literarischen Reise durch die geheimnisvolle Landschaft unseres Körpers: berührend, witzig, informativ und überraschend.

    Thomas Lynch, Naomi Alderman et al., Unter der Haut Cover

    Dieses Buch habe ich irgendwo in den Tiefen von Instagram entdeckt und irgendwas daran ließ mich einfach nicht mehr los. Normalerweise meide ich Bücher, die auf dem Cover (nein, es ist leider kein Sticker) mit den Namen populärer Autoren werben, doch der Klappentext versprach, dass es eine gute Lektüre sein würde, also wagte ich mich auf die Reise zu unseren Organen. Und die stellte sich als angenehm interessant heraus! Selten hat es ein Buch geschafft, dass ich während und nach der Lektüre so viel zum Thema googelte (im positiven, nicht im genervten Sinn), wie etwa Stoma – etwas, das bisher (glücklicherweise) an mir vorbei gezogen ist, für viele Menschen jedoch zum Alltag gehört. Diese Menschen tragen einen künstlichen Darmausgang in einem kleinen Beutel. Wie es dazu kommt und wie der Alltag mit einem Stoma ist, erzählt William Fiennes; dem Mysterium “Darm” widmet sich Naomi Alderman, über seinen Blinddarm und die panische Angst davor, dass dieser zum ungünstigsten Zeitpunkt platzen könnte, berichtet Ned Beauman. Diesen und weiteren Begegnungen mit unseren Organen widmet sich der Erzählband “Unter der Haut”. Wir lernen Aspekte unseres Körpers kennen, geheime Funktionen und auch Störungen, die uns das Leben leichter –oder auch schwerer machen. Denn viel zu häufig nehmen wir das Wunder, das unseren Fleischberg ausmacht, für viel zu selbstverständlich hin und widmen uns nicht den kleinen Dingen. Das Wunder des Ohrs beispielsweise. Wie es funktioniert, wie es Schall umwandelt und uns das wunderbare Gezwitscher der Vögel genießen lässt. Aber auch der Schmerz, wenn wir es auf unvorsichtige Weise erforschen möchten, wie Patrick McGuinness etwa:

    Über das, was hinter dem Trommelfell liegt, wissen nur die wenigsten von uns Bescheid. Vielleicht liegt es daran, dass das Trommelfell die Stelle ist, wo das Wattestäbchen stoppt oder stoppen sollte. Ich habe mir eins einmal zu tief hineingestoßen, auf der Jagd nach einer schwer erreichbaren Ohrenschmalzkruste, und so das Trommelfell aufgerissen. Ich schrie, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte mir direkt ins Hirn gebohrt und es würde auslaufen. Es war nicht nur der Schmerz, es war das Gefühl, die Barriere zwischen dem Inneren und dem Äußeren meines Körpers durchbrochen zu haben.

    Ein Kapitel hat mir jedoch besonders zu Denken gegeben: Abi Curtis widmet sich dem Auge. Sie geht Fragen nach, wie man jemandem, der bereits ohne Augenlicht geboren wurde, Farben erklären könnte, oder wie jemand, der nie sehen konnte, auf einmal seine Sehkraft erlangt: Wie würde derjenige (bzw. sein Gehirn) Farben und Formen interpretieren, die er noch nie gesehen hat, die er noch nie interpretieren musste? Auch die Art und Weise, wie jeder von uns sieht, thematisiert sie. So kann die Farbe Rot für jeden von uns verschieden sein. Abi Curtis beschreibt dieses Phänomen mit der Einsamkeit in unserem Kopf, denn so wie wir Dinge sehen, sieht sie vielleicht kein Zweiter.

    Fazit: Ein wunderbares Bündel an Erzählungen, die teils persönlich und teils analytisch sind. Jeder Autor bringt Anekdoten über das von ihm ausgewählte Organ mit; jedes Kapitel von “Unter der Haut” ist dabei natürlich unterschiedlich, denn jeder schreibt ja auf seine Weise. Durch die thematische Verbindung ergeben diese stilistisch sehr unterschiedlichen Essays und Geschichten ein rundes Ganzes, das mich nachhaltig begeistern konnte.

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    Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Goldmann Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

    Unter der Haut / Naomi Alderman, A. L. Kennedy, Philip Kerr et al. / Goldmann Verlag / Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 210 Seiten / ISBN: 978-3-442-31517-8 / Erschienen am 04.11.19 / zur Verlagsseite

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